• Home
  • Our Expertise
  • Blog
  • Vom Amt zum Begegnungsort: Wie Räume und Organisation eine bürgerorientierte Verwaltung ermöglichen

This page is only available in German.

21.7.2026

Vom Amt zum Begegnungsort: Wie Räume und Organisation eine bürgerorientierte Verwaltung ermöglichen

Share Teilen

  • Mail
  • Facebook
  • Twitter
  • LinkedIn
  • Xing
  • Pinterest

Stellen Sie sich vor, Sie betreten ein Amt und werden sofort freundlich begrüßt. Eine erste Ansprechperson nimmt sich Zeit für Ihr Anliegen, gibt Ihnen eine verständliche Orientierung und koordiniert, was als nächstes zu tun ist – unabhängig davon, welche Fachabteilungen im Hintergrund zuständig sind. Der Raum ist einladend und barrierefrei gestaltet: Hier sind Sie willkommen.

Dieses Bild ist möglich. Und doch entspricht es für viele Bürger:innen noch nicht dem Alltag. Oft überwiegen noch Wartenummern, unklare Zuständigkeiten und das Gefühl, als Bittsteller:in und nicht als Gesprächspartner:in behandelt zu werden. Dadurch leidet das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates. Laut einer aktuellen Bürgerbefragung des Meinungsforschungsinstituts Forsa vertrauen nur noch 23 Prozent der Bevölkerung der staatlichen Handlungsfähigkeit.

Vertrauen entsteht nicht durch Kommunikationsversprechen. Es wird gespürt. Im Eingangsbereich, an der Schaltertheke, im Wartebereich. In jedem Detail, das signalisiert, ob jemand wirklich willkommen ist.

So wird das Atrium im neuen Gebäude aussehen © Landkreis Potsdam-Mittelmark | Rendering: BOLLES + WILSON

Zuerst die Organisation, dann der Raum

Bürgerorientierung beginnt nicht mit dem Umbau von Gebäuden, sondern mit der Frage, wie eine Verwaltung auf die Menschen ausgerichtet ist, die sie bedient. Aus Sicht der Bürger:innen ist ein Anliegen oft eine einzige Fragestellung: „Ich bin neu zugezogen und benötige Unterstützung." Aus Sicht der Verwaltung hingegen zerfällt dasselbe Anliegen in mehrere Zuständigkeiten – Meldestelle, Migration, Sozialleistungen, Jobvermittlung, die, historisch gewachsen, in getrennten Fachabteilungen bearbeitet werden. Dieser Bruch zwischen der Logik der Bürger:innen und der Logik der Verwaltung ist eine der zentralen Ursachen für Frustration auf beiden Seiten.

Ein konkretes Beispiel zeigt, wie es anders gehen kann. Im Landkreis Potsdam-Mittelmark haben wir gemeinsam mit der Verwaltung Prozesse und Organisation neu gedacht.

 

Ole Kretschmer, Prokurist & Lead Consultant, M.O.O.CON

Entscheidend für die Transformation des Bürgerservice ist eine klare Vision. Sie schafft den Handlungsrahmen und liefert Orientierung.

Im Kern der Lösung steht ein neu gegründeter Fachdienst, der als erste Anlaufstelle für alle Bürgerinnen und Bürger fungiert. Mitarbeitende mit generalistischem Wissen beantworten erste Fragen aus allen Bereichen der Verwaltung, koordinieren Termine in den Fachabteilungen und geben Hinweise zu Bescheiden, bevor ein Anliegen überhaupt an eine Fachabteilung weitergegeben wird. Das Ergebnis: Die Fachbereiche werden entlastet, weil deutlich weniger Anliegen falsch ankommen und intern weiterverwiesen werden müssen. Und die Bürger:innen erleben zum ersten Mal eine Verwaltung, die ihr Anliegen als Ganzes versteht.

Diese Organisationsveränderung war die Voraussetzung dafür, dass die räumlichen Maßnahmen überhaupt ihre volle Wirkung entfalten konnten. Denn Räume können eine Haltung nur dann glaubwürdig vermitteln, wenn die zugrunde liegenden Prozesse diese Haltung ebenfalls unterstützen.

Was wirklich zählt: Orientierung, Augenhöhe und Sicherheit

Wenn es um räumliche Wirkung geht, fragen wir bei M.O.O.CON nicht zuerst nach der Ausstattung, sondern nach der Struktur, den Prozessen, der Zielgruppe und der gewünschten Veränderung. Erst wenn diese Grundfragen geklärt sind, zeigt sich, welche räumlichen Maßnahmen wirklich greifen.

Aus unserer Erfahrung prägt vor allem die bedarfsgerechte Gestaltung die wahrgenommene Bürgerfreundlichkeit. Besonders deutlich wird das in folgenden Aspekten:

  • Klare Orientierung signalisiert Nutzerfreundlichkeit. Ein gut sichtbarer Informationspunkt, an dem jedem und jeder mit einem Fragezeichen im Gesicht sofort geholfen wird, ist oft wertvoller als jede gestalterische Geste.
  • Abbau von Barrieren ist keine Pflichtübung, sondern ein Statement. Sie vermittelt Augenhöhe. Eine der zentralen Aufgaben der Verwaltung ist es, alle Bürger:innen gleich zu behandeln und die Vielfalt der Bevölkerung nicht als Herausforderung, sondern als echte Bereicherung zu begreifen. Wer das ernst meint, baut entsprechend.
    Zudem bedarf ein Gespräch auf Augenhöhe auch eines entsprechenden räumlichen Settings: ein gemeinsamer Treffpunkt - nicht "Ich komme zu dir" -, sondern ein neutraler Raum, in dem weder die eine noch die andere Seite "zuhause" ist oder einen Vorteil hat. Ein Setting, das vertraulich und sicher ist.
  • Passgenaue Ausrichtung auf die Zielgruppe. Was für ein Jugendamt räumlich richtig ist, kann für eine Baubehörde völlig falsch sein. Die Bedürfnisse der jeweiligen Zielgruppe (und damit meinen wir auch der Besucher:innen) müssen bei jeder Lösung berücksichtigt werden.

Unser ganzheitlicher Ansatz bei der Arbeit am Raum bringt Steine ins Rollen. Damit werden Dinge aufgebrochen, in denen Seit Jahren keine Bewegung mehr stattfindet. Genau darin sehen wir eine wesentliche Chance, Transformation nicht nur anzustoßen, sondern mit der räumlichen Veränderung wirksam umzusetzen.

 

 

Christoph Müller-Thiede, Geschäftsführender Gesellschafter, M.O.O.CON

Wir verstehen Raum als Bühne der Verwaltung, die Begegnung bewusst gestaltet und somit Wirkung entfaltet.

Drei Zonen, ein Prinzip: Offenheit mit Sicherheit verbinden

Neben Orientierung und Barrierefreiheit spielt auch die Sicherheit – für Bürger:innen wie für Mitarbeitende – eine zunehmend wichtige Rolle. Verbale und tätliche Angriffe auf Verwaltungsmitarbeitende und Kommunalpolitiker:innen haben in den letzten Jahren stark zugenommen. Ein räumliches Konzept, das dieser Realität Rechnung trägt, ist das Drei-Zonen-Prinzip, bei dem die Räumlichkeiten in öffentliche, halböffentliche und interne Bereiche aufgeteilt werden. Was zunächst nach baulicher Logistik klingt, ist in Wahrheit eine Entscheidung über Haltung und Servicephilosophie.

  • Der interne Bereich schafft eine Sicherheitszone für die Mitarbeitenden. Hier sind Datenschutz- und Sicherheitsanforderungen klar geregelt, so dass Mitarbeitende freier agieren können.
  • Der halböffentliche Bereich ermöglicht angemeldeten Bürger:innen den Zugang zu bestimmten Beratungsangeboten oder politischen Sitzungen. Durch die Anmeldung entsteht ein geregelter Zugang, der die Sicherheit erhöht und bei Bedarf flexibel in einen internen Bereich umgewidmet werden kann.
  • Der öffentliche Bereich ist das eigentliche Herzstück bürgerorientierten Bauens. Er ist ein Ort, der einlädt, der Transparenz schafft und die Arbeit der Verwaltung erlebbar macht. Durch eine bewusste Kuratierung - etwa durch Veranstaltungsangebote oder die Öffnung für die Nutzung durch Dritte, wird aus einem Amtsgebäude ein echter Begegnungsort.

Wie dieses Prinzip in einem Bestandsgebäude aussehen kann, zeigt das Projekt Neues Rathaus Leipzig, das von uns konzeptionell begleitet wurde. Die Herausforderung vor Ort: Durch Mauern und über Jahre eingeübte Prozesse ist das Denken oft eingeengt. Zudem sind Brandschutzkonzepte, Technik und Ausstattung auf alte Nutzungskonzepte ausgerichtet. Neue Ideen müssen deshalb immer auch auf ihre Realisierbarkeit geprüft werden. In Leipzig gehörten dazu Abstimmungen mit dem Denkmalschutz und sorgfältige Überlegungen zur Barrierefreiheit bei der Neukonzeption des Erschließungskonzepts.

Neues Rathaus Leipzig, 3D Arbeitsmodell © HPP Architekten

Transformation braucht Führung, die es ernst meint

Während räumliche Veränderungen sichtbar sind, ist Kulturwandel es nicht immer. Und doch hängen beide miteinander zusammen. Für den Umbau der Räume braucht es eine Vision. Bleibt diese Vision bei allen zu treffenden Entscheidungen konsequent im Fokus, folgt auch die Haltung.

Scheitern erleben wir dort, wo die Führung die Vision zwar kommuniziert, aber nicht konsequent lebt. „Ausgetretene Pfade lassen sich einfacher gehen" – das zeigt sich bei jedem Veränderungsprojekt. Wenn eine Führung jedoch wirklich von einer Idee begeistert ist, trifft sie konsequente Entscheidungen und begeistert auch die Mitarbeitenden dafür.

 

 

Katharina Schwalbe, Lead Consultant, M.O.O.CON

Wenn die Führung die Vision nur halbherzig lebt, rutscht die Organisation automatisch in alte Muster zurück. Ausgetretene Pfade gehen sich leichter.

Die Verwaltung der Zukunft: von der Pflicht zur Teilhabe

Die Digitalisierung wird sich in den nächsten Jahren in der Verwaltung weitgehend etablieren. Das bedeutet, dass viele Pflichtkontakte zwischen Verwaltung und Bürger:innen wegfallen oder digital abgewickelt werden. Das klingt zunächst nach mehr Effizienz. Aus unserer Sicht ist es vor allem eine Chance.

Denn der verbleibende physische Kontakt kann sich grundlegend wandeln: weg vom Pflichttermin, hin zu echter Beteiligung. Projekte wie das "Gemeinwohlparlament" in Leipzig zeigen, wie das aussehen kann. Die Bürger:innen werden nicht nur bedient, sondern aktiv eingebunden. Gerade auf kommunaler Ebene, wo die Dinge entstehen, die die Menschen täglich bewegen, ist das besonders relevant.

Bürgerorientierung ist also kein Zielzustand, der dadurch erreicht wird, dass ein Amtsgebäude umbaut wird. Sie ist eine Haltung, die sich in Prozessen, in Räumen und in der Kultur einer Organisation zeigt. Sie beginnt mit der Bereitschaft, Verwaltung wirklich vom Menschen her zu denken.

 

Dieser Beitrag könnte Sie ebenfalls interessieren.

 

 

Welche räumlichen, organisatorischen und kulturellen Interventionen braucht es? 

© 2026 M.O.O.CON GmbH