Arbeitsgewohnheiten und Strukturen im Taumel

Mir ist keine Unternehmung bekannt, die seit Frühjahr 2020 nicht gerührt oder geschüttelt wurde. Dennoch ist es vielen Unternehmen gelungen, vom abrupten Stottern der Wirtschaft, oder wie die Ökonomen es formulieren, vom V- oder U- oder (wie erfolgt) abgeschrägten V-Verlauf der Wirtschaft verschont und damit wirtschaftlich stabil zu bleiben. Und trotzdem sind die Auswirkungen auf das Tagesgeschäft, auf das tägliche Handeln der Mitarbeitenden enorm.

Nicht rein wirtschaftliche, sondern vielmehr organisatorische Aspekte sind in den Fokus gerückt. Ort, Art und Weise der Tätigkeiten, Arbeitsabläufe, Kommunikation und Kollaboration haben sich für die meisten Beschäftigten aller Hierarchieebenen dramatisch verändert. Das mittlerweile allgegenwärtige und von vielen hochgejubelte Home Office, welches eine – aus meiner persönlichen Sicht für manch Unternehmen nicht unkritischen – Beliebtheit entwickelt hat, bündelt diese Veränderungen in sich. Es bringt Vor- und Nachteile mit sich.

Essay in drei Teilen

Tobias Baur, M.O.O.CON Experte für zukunftsfähige Arbeitswelten in Frankfurt, befasst sich in dieser dreiteiligen Reihe mit den Einflussfaktoren, die auf unsere bzw. Ihre Büros wirken. Corona ist ein Influencer, aber es gibt auch andere, die es erforderlich machen, die eigene Bürolandschaft qualitativ und quantitativ zu überprüfen.

  • Lesen Sie in diesem 1. Teil des Essays warum Büros kein Selbstzweck sind. Und zwar weder für Krisengebeutelte noch für KrisengewinnerInnen oder für jene, die noch nicht entschieden haben was sie aus dem Pandemiejahr mitnehmen.

  • Im 2. Teil geht es um einen noch nie in dieser Dynamik dagewesenen Umbruch der Arbeitsgewohnheiten und Strukturen

  • Und im 3. Teil zeigen wir auf warum und wie Raum wirkt. Und zwar immer. Auf Unternehmen und auf ihre Umwelt.

Das Home Office: Fluch und Segen

Mit dem Arbeiten auf Distanz haben sich die Kommunikationsmittel in der Häufigkeit der Anwendung und der breiten Kompetenz der Anwender sprunghaft entwickelt. Waren vor dem Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 noch persönliche Treffen für viele ein unverzichtbarer Bestandteil des Büroalltags, sind sie heute – Home Office- und Videokonferenz-bedingt – nur noch Nebendarsteller. Zoom, Teams und Co. dominieren die Kommunikation zwischen den Akteuren über alle Ebenen hinweg. Kundentermine finden nur noch in Ausnahmesituationen persönlich statt. Firmeninterne Meetings, vom Daily bis zur monatlichen Abteilungsbesprechung, passieren nur noch remote. Führungskräfte haben manche neuen Kollegen noch nie live gesehen.

Der hohe Kommunikationsdruck, der im Home Office offensichtlich da ist, und die unbeantwortete Frage, ob Informationssender oder -empfänger diesen auslösen, führt zu hochverdichteten Terminkalendern. Die Taktung von Videokonferenzen ist kurz; die Ermüdung am Abend entsprechend hoch. Auch wenn zwischen den Videokonferenzen an den eigentlichen Aufgaben gearbeitet wird. Ganz ohne Kamera und Mikrofon.

Einige Verfechter des Home Office bezeichnen diese Art des Arbeitens als produktives oder effizientes Arbeiten. Um den Entfall des direkten Miteinanders zu kreativen, kritischen, persönlichen, soziokulturellen Zwecken etwas abzulindern, werden digitale Workshoptools eingesetzt, remote Mittagessen via ViKo organisiert oder das Digi-Feierabendbier zellebriert. All das sind gute Ideen und Versuche, eine Stück Normalität zurückzugewinnen.

Führungskräfte sind im Distanz-Modus ganz besonders gefordert. Für sie gilt es zu prüfen, ob die bisherige und gekonnte Art des Führens auf die Distanz leistbar und überhaupt für beide (!) Seiten richtig ist. Lassen sich die Geführten auf dieselbe Art und Weise leiten wie früher? Wie erfolgen die bewährten Vier-Augen-Gespräche oder das fachliche Über-die-Schultern-schauen? Wie kann der Informations- und Wissenstransfer innerhalb des Teams oder der Abteilung gewährleistet bleiben? Und nicht zuletzt: wie kann Spontanität, Flexibilität und Teamspirit gelebt werden? Kann die Identifikation mit Unternehmen erhalten bleiben, so ganz ohne persönlich erlebte und gelebte, reale Rituale?  

Über die Auswirkungen dieser Entwicklungen auf die Menschen und deren Organisationen gibt es viele Meinungen. Aus meiner Sicht spricht allerdings sehr viel dafür, dass eine starke Reduktion von persönlichem Aufeinandertreffen der Mitarbeitenden, über alle organisatorische Hierarchieebenen hinweg betrachtet, sich auf Unternehmens- und Führungskultur, sozialen Zusammenhalt, Identifikation und Bindung zum Unternehmen, Wissenstransfer und Kreativität und letztlich auf die Produktivität negativ auswirken kann.

Nicht zuletzt die Corona-Pandemie hat dazu geführt, dass Unternehmen einen großen Teil ihrer Angestellten die Möglichkeit des Home Office großzügig einräumen. Oder sie wurden „ins Home Office geschickt“. Aufgrund der weltweiten Ausnahmesituation mussten Unternehmen handeln und taten es. Unstrittig scheint zu sein, dass Home Office fester Bestandteil des Büro- (sic!) Alltags bleiben wird.

Und dies wird ungeachtet der Vor- und Nachteile, welche sich verändern werden, enorme Auswirkungen auf dasBüro als Arbeitsort, Firmensitz, Teambereich oder Heimathafen haben. Die Quantität und insbesondere die Qualität zukünftiger Büros wird sich bei vielen Firmen und Organisationen stark verändern. Zumindest aber werden Büros einer harten Prüfung unterstellt.

Unternehmenskultur als Influencer

Lösen wir uns von der Pandemie und ihren Auswirkungen und schauen uns nach anderen Influencern um. Unternehmen und Organisationen sind bewegliche, nie ruhende Konstrukte. Sie erfahren Einflüsse von außen: vom Markt, von der Politik, von der Gesellschaft und der Umwelt. Im Inneren drängen ebenso Kräfte auf Veränderung: wirtschaftliche, strukturelle, soziale. In Abhängigkeit der Stärke und Richtung dieser Einflüsse und Kräfte reicht es möglicherweise nicht, Nuancen anzupassen oder an kleinen Rädchen zu drehen, um wieder ins Lot zu kommen. Unternehmen, die erkennen, dass ein Paradigmenwechsel vonnöten wird, um in allen Belangen fit zu sein, rufen nicht selten einen ganzheitlichen Kulturwandel aus. Es wird eine Kultur des Vertrauens, der Transparenz, der sozialen Verantwortung, der (mehr oder weniger) Selbstorganisation, der Digitalisierung, der Menschlichkeit, der Spaß-an-der-Arbeit-Haltung, der Eigenverantwortung und Selbstbestimmung oder der (jetzt aber echten) Zukunftsorientierung heraufbeschworen.   

Ist das so und wird es von den Verantwortlichen ernst gemeint und ernsthaft gemacht, bleibt möglicherweise kein Stein auf dem anderen. Produkte und Dienstleistungen, Organisationsstrukturen, Prozesse, Kommunikationsweisen oder Arbeitsmittel werden ernsthaft hinterfragt und verändert. Gewohnheiten werden wie ein alter Zopf abgeschnitten, um den angestrebten kulturellen Wandel zu ermöglichen. Und schließlich erkennen Unternehmenslenker und -lenkerinnen die Wirkung, die Infrastruktur - Arbeitsort und Arbeitsraum - in diesem Kontext erzielen kann.

Nachhaltigkeit: war da was?

Und noch ein Influencer, hier nur gestreift. Unsere Lebensbereiche werden geprägt von Gebäuden. Diese wiederum wirken stark auf unsere Umwelt. Auch im ökologischen Sinne. Somit hat jeder Gebäudenutzer, vom Häuslebauer auf der Schwäbischen Alb bis zum weltweit agierenden Konzern, zu prüfen, welche Auswirkungen sein(e) Gebäude auf die Umwelt hat (haben). Energieverbräuche und CO2-Ausstöße bei Produktion von Baustoffen und während der Nutzungsphase, Versiegelung und Verbrauch von Grund, Wasser-, Rohstoff- und andere Ressourcenverbräuche sind nur einige Aspekte, die sich negativ auf die Umwelt auswirken. Verantwortlich: Bauherr, Betreiber, Nutzer, Eigentümer. Oder anders ausgedrückt: Unternehmen und Organisationen. Es ist ihre Pflicht, die Einflüsse des eigenen Immobilienbestandes auf die Umwelt zu kennen und im ökologischen Sinne zu handeln. Auch wenn es finanziell wehtut. Doch auch hier liegt eine Chance. An erster Stelle steht dabei, den tatsächlich Flächenbedarf zu kennen und nur diesen zu decken. Überflüssiges ist auch hier wenig sinnvoll. Vereinfachend gesagt ist jeder nicht bedarfsgerechte betriebene Büroquadratmeter weder wirtschaftlich noch ökologisch ratsam. Für die Immobilien verantwortlichen Manager einer jeder Organisation gilt daher, doppelt wachsam zu sein.       

Die Bundesregierung Deutschland scheint hier ihre Hausaufgaben gemacht zu haben und möchte das Bauen von Morgen fördern. Die eigene Vorbildfunktion für nachhaltiges Bauen ist gesetzlich verankert (Gebäudeenergiegesetz). Einem Antrag der Fraktion (19/20618), welcher die Nachhaltigkeit - Schonung natürlicher Ressourcen und Lebensräume, Klimaschutz und Klimaanpassung, Luftqualität, Gesundheit oder Biodiversität, Lebensqualität sowie Qualität unserer gebauten Umwelt insgesamt - fordert, wurde im September 20 zugestimmt.

Neben all den oben genannten Aspekten schleicht sich also auch noch der ökologische Fußabdruck von Gebäuden auf die Management-Summaries dieser Welt. Oder besser: der Umwelttsunami wirft seine mächtigen Schatten voraus. Der Einfluss wird gewaltig sein. Spätestens wenn die CO2-Abgaben richtig weh tun werden. Also Obacht! Und die gesellschaftliche Verantwortung prüfen!

 

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Hier geht es zum Teil 3 des Essays.

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