10.12.2019

Die Psychologie von (Büro)Räumen – Teil 1

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Vom Zellenbüro zum non-territorialen Büro. Wie wirken diese neuen Räume auf Menschen in kognitiver, emotionaler und sozialer Hinsicht? Fünf wesentliche Erkenntnisse der Architekturpsychologie helfen diese Prozesse besser zu verstehen und sie in der Implementierung neuer Arbeitswelten zu berücksichtigen. Sie unterstützen auch die kulturelle Entwicklung und die räumliche Gestaltung.

Widerstand gegen die neue Arbeitswelt

Der Paradigmenwechsel in der Rolle des Büros trifft auf elementare menschliche Bedürfnisse. Ein Nicht-Eingehen auf diese Bedürfnisse zeigt sich in hochemotionalem Widerstand gegen die geplante räumliche Veränderung, im Festkrallen an Details und vermeintlichen Sachargumenten. Die Idee und damit der Nutzen, die Vorteile und die Freude auf das neue Büro gehen verloren.

In dieser zweiteiligen Serie geben wir Einblicke in die wesentlichen psychologischen Mechanismen, ihren Einfluss auf Akzeptanz, Wohlfühlen und schlussendlich Effektivität der neuen Arbeitswelt. Wir zeigen Ansätze, wie diese Mechanismen in der Implementierung berücksichtigt werden können.

  • Teil 1 beschäftigt sich mit dem Bedürfnis nach Privatheit und der Bedeutung des Territoriums.

  • Teil 2 zeigt auf, wie Aneignung von Raum stattfindet und warum ein Mindestmaß an Kontrollmöglichkeiten wichtig ist.

Privatheit in der Arbeit – eine sehr individuelle Angelegenheit

Das Bedürfnis nach Privatheit ist ein elementares Bedürfnis, dem in vielen Arbeitsumgebungen zu wenig Platz gegeben wird. Es etabliert sich in:

  1. der Möglichkeit des Rückzugs von Anderen,

  2. der Kontrolle wie viel Information andere über uns haben und 

  3. der Regulation der Interaktion im jeweiligen Moment.

Die Lösung liegt nicht im Rückzug in Zellenbüros. Privatheit kann in vielen Settings hergestellt werden und ist ein hochindividuelles Empfinden. Viele Untersuchungen zeigen, dass Arbeitsumgebungen, in denen der Privatheit (allein, zu zweit) genügend (auch ungeplanten) Raum gegeben wird und in ein gutes Verhältnis zum Kollaborationsraum vorherrscht, erfolgreich sind.

Aus einer Studie des global agierende Büromöbelunternehmens Steelcase¹ gehen fünf Erkenntnisse über das Erleben individueller Privatsphäre hervor.

¹ Quelle: Studie von „The privacy crisis“ von Steelcase

5 Erkenntnisse zu individueller Privatsphäre im Büro

  1. Strategische Anonymität: Unerkannt bleiben / „unsichtbar sein“
    Mit der Möglichkeit anonym zu bleiben entzieht man sich den durch normale Sozialkontrolle auftretenden Zwängen. Beispielsweise kann das Arbeiten in einem Café helfen den sozialen Ablenkungen am Arbeitsplatz zu entgehen und durch die Geräuschkulisse genau den richtigen denkanregenden Stimulus zu bekommen.
     

  2. Selektive Exposition: Bestimmen, was andere sehen
    Menschen selektieren welche Information sie über sich preisgeben und präsentieren sich auch unterschiedlich je nach Gegenüber. Vor allem neue digitale Kommunikationsmittel machen die Entscheidung, was man über sich preisgibt und wie sicher das ist, schwieriger. In der Gestaltung von Arbeitsumgebungen kann am darauf eingehen: Telefon statt Videokonferenz, Rückzugsräume für private Gespräche und entspannte Posen.
     

  3. Umgang mit Vertraulichkeit: Vertrauliche Mitteilungen
    Privatsphäre heißt auch die Suche nach ungestörten Momenten, alleine, zu zweit oder zu dritt. Dafür sollte in modernen Büroumgebungen genügend Raum sein. Semi- und ganz private Gespräche müssen möglich sein, ohne dass andere wissen wer mit wem zusammensitzt. Es braucht auch nicht einsehbare Besprechungsmöglichkeiten.
     

  4. Bewusstes Abschirmen: Selbstschutz
    Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen persönlichem Territorium und eigenem Empfinden. Wir ergreifen aktive Maßnahmen, um uns zu schützen. Am Arbeitsplatz kann es der Versuch sein, sich vor neugierigen Blicken oder Einmischung zu schützen. Kopfhörer, mit dem Rücken zur Wand sitzen, Bildschirm wegdrehen – all das sind gut bekannte Beispiele.
     

  5. Gezieltes Alleinsein: Sich bewusst von anderen absondern
    Bewusstes Alleinsein ist ein physischer Akt: Man trennt sich vorsätzlich von einer Gruppe, gönnt sich eine kurze Ruhepause, lässt seinen Gefühlen freien Lauf. Menschen suchen sich bewusst einen anderen Platz, gehen nach draußen oder suchen sich eine uneinsichtig Enklave.
     

Gerade in sehr transparenten, offenen Arbeitsumgebungen ist es wichtig auch einen kulturellen Code bzw. Signale zu entwickeln und eine Unternehmenskultur zu etablieren, die Alleinsein, Ungestörtheit, Abschirmung, wenn gewünscht, möglich macht. Das kann durch deklarierte Orte funktionieren oder über kleine persönliche Signale (wie z.B. Kopfhörer), die respektiert werden.

    Das eigene Territorium unterstützt Kontrolle und Macht

    Der Verlust des eigenen Territoriums in modernen Arbeitswelten muss durch Möglichkeiten, Privatheit herzustellen, kompensiert werden. Territorialität bezeichnet das Bedürfnis, über ein Territorium zu verfügen und Distanz gegenüber anderen aufrechterhalten zu können. Ein eigener Arbeitsraum ist ein primäres Territorium und bietet ein hohes Maß an Zugangs- und Verhaltenskontrolle. Im Arbeitsleben begegnet uns das oft als das mit Machtsymbolik aufgeladene „Chefbüro“. Untersuchungen zeigen, dass es im eigenen Raum einen Heimvorteil gibt, da das Erleben von Kontrolle und Macht im eigenen Territorium gestützt wird. Interessant ist, wie diese Aspekte der Kontrolle in halböffentlichen, von Gruppen genützten Räumen hergestellt werden können.

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