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06. Man muss halt miteinander reden

06. Man muss halt miteinander reden

Kultur: Was ein Unternehmen im Innersten zusammenhält

Welche Rolle spielt ein Betriebsrat bei der Entwicklung einer Immobilie für eine Organisation? Wie geht man mit Veränderung um? Bernhard Herzog und Irene Kernthaler-Moser haben sich den Alltag eines Betriebsrates angeschaut.

Moderation, Text und Fotos: Irene Kernthaler-Moser.

Die Gesprächspartner

Im Gespräch mit dem Betriebsrat der Wiener Netzte, Robert Rempl, erfuhren Bernhard Herzog, Partner bei M.O.O.CON und Irene Kernthaler-Moser wie mit Veränderung umgegangen wird, warum sich durch die Digitalisierung alles ändert und wie die Wiener Netze damit umgehen.

Robert Rempl

Robert Rempl

Am Schranken beim Werkstor holt uns Robert Rempl ab. Er begrüßt uns mit dem klassischen Coronagruß. Er ist ein großer, gewichtiger Mann und sein Wort hat Gewicht. Er ist einer von zehn Betriebsrat-Angehörigen bei der Wiener Netze GmbH und in dieser Funktion auch Mitglied des Aufsichtsrates. Nach dem Begrüßungskaffee führt er uns voller Stolz durch das Gelände. Hier sorgen 2400 MitarbeiterInnen dafür, dass hundertausende Menschen sicher mit Strom, Gas, Fernwärme und Daten versorgt sind. Lange unscheinbare Hallen, eine roter Wasserturm, breite gerade Straßen - die im Schatten der Gasometer liegen - Wiens historischem Wahrzeichen für Energie.

Vorbei an einem Denkmal für die Befreiungskämpfer 1934 bis 1945 steuern wir den Speisesaal an. Beim Eintritt empfängt uns eine andere Welt. Ein moderner, asymmetrischer Raum, der funktional und heimelig zugleich ist. Als wir vormittags zu Besuch kommen ist der Raum noch leer, aber man kann sich gut vorstellen, wie sich hier alle zum Essen treffen, die Lehrlinge und der Vorstand, die IngenieurInnen und die ArbeiterInnen, der Portier und das Sekretariat. Am Anfang wurde schon diskutiert, ob man nicht extra Tische reservieren kann für die Büroangestellten. Die schmutzige Kleidung der ArbeiterInnen war ungewohnt, erzählt Rempl von den Anfangsschwierigkeiten. Seine Position ist klar: "Sicher nicht. Alle sind gleich! Die machen sich ja nicht aus Jux und Tollerei dreckig."

Und damit sind wir auch schon mitten im Thema des Headquarters namens Smart Campus, das 2016 bezogen wurde. Früher haben sich White-Collar- und Blue-Collar-MitarbeiterInnen nur auf der Baustelle getroffen, das Unternehmen war aufgeteilt auf mehrere Standorte. Es gab viele Reibungsverluste. Es wurde z.B. mit dem Einkauf telefonisch gestritten bis zum Kommunikationsabbruch. Heute geht man zwei Stockwerke hinauf und kann am kurzen Dienstweg – sprich persönlich – vieles im Handumdrehen klären.

Ein paar Minuten vom Speisesaal entfernt liegt das lange, helle Gebäude mit dem schönen Namen Smart Campus – bei der Eröffnung 2016 eines der weltweit größten auf passivhausniveau errichteten Gebäude – das sich im Alltag bewährt hat. Es umfasst Büroarbeitsplätze, die Werkstätten, das Lager sowie die Steuerzentralen für Strom, Gas und Fernwärme. Man kann auch mit dem Bagger über eine lange, weiße Magistrale die unterschiedlichen Bereiche anfahren. Dieser 350 Meter lange, hohe Raum ist funktional und leer, links und rechts gehen große Tore ab.

Rempls Handy klingelt. Einer der ältesten Pensionisten ist gestorben. Freiheitskämpfer. Es geht ums Begräbnis. Wir lassen in der Zwischenzeit diesen langen Raum auf uns wirken und sind gespannt, wann die ersten KunstkuratorInnen ihn für ein Kunstprojekt entdecken.

Über dieser Welt der „HacklerInnen“ – ganz leicht über das Stiegenhaus zu erreichen - sitzen die Büros. Gewissermaßen mehrere Türme rittlings auf dem langen Gebäude. Zu Beginn waren dort die durchsichtigen Glaswände noch der Aufreger. Dafür gab es dann Abkleber. Darüber redet heute niemand mehr. „Es ist hell, warm, dicht. Den Starkregen neulich haben wir auch schadlos überstanden. Die ArchitektInnen haben sich sofort gemeldet und nachgefragt – da sieht man die Verbundenheit auch nach Jahren noch.“  

Man kann nur eine gesunde Kuh melken.

Robert Rempl, Betriebsrat, Wiener Netze

 

Haben wir schon erwähnt, dass Rempl alle kennt, die uns begegnen und sie herzlich begrüßt? Das versteht sich von selbst. Denn als Betriebsrat vertritt er sie alle - vom den HauptabteilungsleiterInnen bis zum Portier. Das Thema Veränderung begleitet Rempl dabei schon lange: Die Ausgliederung aus den Wiener Stadtwerken und die Fusion von Wien Energie Gasnetz und Wien Energie Stromnetz, die Einführung von neuen Arbeitszeiten, die Entwicklung und Übersiedlung des Smart Campus, neue Technologien, die Entwicklung neuer Berufsbilder. „Das wir hierher gezogen sind war ein richtiger Schritt, der damals viel diskutiert wurde. Für einige sind wir von einem geschichtsträchtigen Gebäude in die Pampas gezogen, wo alle beisammen sind. Wir haben bei der ganzen Zusammenlegung alle ganz gut mitgenommen.“ Rempl sieht das sehr pragmatisch: „Veränderungen muss man sich immer anschauen. Man muss sich alle Seiten anschauen. Von den Leuten her, was läuft hier gut, was läuft dort schlecht. Von den Vorgesetzten her und was bedeutet das für die Firma: Wo will sie hin und was soll der Sinn dahinter sein? Wo ich als Betriebsrat extrem darauf achte ist, dass bei der Sicherheit nicht gespart wird. Wir haben Vorschriften. Wie die Zwei-Personen-Regelung: in eine Stromstation gehen immer zwei Leute rein. Von der werden wir nicht abrücken, auch wenn andere Energieversorgungsunternehmen das anders machen. Sicherheit steht an oberster Stelle.“

Deshalb sind Rempl auch die Auszubildenden ein großes Anliegen. Selbstverständlich haben wir auch die besucht. An sechseckigen Werkbänken schleifen und feilen junge Menschen an Metallplatten. 2021 wurden 30 Lehrlinge aufgenommen. Mit dem neuen Gebäude ist auch ausreichend Platz für die jungen Damen und Herren. Duschen im Überfluss und gut getrennt. Rempl bespricht mit den beiden Ausbildnern aktuelle Fragen. Die Auszubildenden lernen einen Doppelberuf. Sie werden ElektroenergietechnikerInnen und MechatronikerInnen. In 3,5 bis 4 Jahren Lehrzeit. Sie sollen dann fit sein für alles, was intelligente Stromnetze heute und morgen brauchen. Denn das Smart Meter wird gerade ausgerollt. Dieses Lieblingsprojekt der EU zwingt europaweit alle Energieversorger statt eines Zählgerätes in jedem Haushalt ein Smart Meter zu installieren. 350.000 sind in Wien schon bei den EndkundInnen – von 1,5 Millionen. Diese digitalen Stromzähler messen und speichern alle 15 Minuten den Stromverbrauch und senden ihn einmal täglich an die Stromversorger. Noch wird der Stromverbrauch geschätzt oder selber abgelesen. Smart Meter sollen den VerbraucherInnenhaushalt unterstützen den eigenen Energieverbrauch zu beobachten und den eigenen Verbrauch auch zu steuern. Gleichzeitig werden die VerbraucherInnen zu „gläsernen KonsumentInnen“. Daher kann das Smart Meter auch abbestellt werden. Rempl hat seinen eigenen Blickwinkel auf das Thema: „Smart Meter kosten auch wieder Arbeitsplätze. Alle, die etwas ablesen können, sind damit in Frage gestellt. Auch das Berufsbild. Die alten Zähler früher waren mechanisch. Jetzt ist alles elektronisch. Die ganze Digitalisierung ist eine Herausforderung. Es ändert sich fast stündlich alles.“

So etwas ähnliches wie ein Smart Meter gibt es auch im Smart Campus selbst. Um zu einer guten Lösung bezüglich Raumklima zu kommen, wurde das Projekt Touchscreen durchgeführt. Die MitarbeiterInnen können die Zimmertemperatur selbst regulieren. Und auf einem Touchscreen sehen sie gleichzeitig die Auswirkungen ihrer Maßnahmen auf den Energieverbrauch. „Das nutzen sie schon. Ich meine, die lernen jetzt auch. Arges habe ich nie gehört.“

Durch die Digitalisierung ändert sich fast stündlich alles.

Robert Rempl, Betriebrat, Wiener Netze

 

Es gibt übrigens auch „gute“ Veränderungen. Das neue Haus, die neuen Büros, die gemeinsame Küche.... Wichtig bei so einem neuen Haus sei, dass letzten Endes die Arbeitsprozesse funktionieren, dass die Möbel passen und es Kaffee gibt. „Wenn ich auch viel Feedback von den KollegInnen bekomme, ist das leiwand. Das wir jetzt schon seit einigen Jahren immer die Fenstertage einarbeiten und da die Werksküche und die Lehrwerkstatt zusperren, darauf haben wir zu 98% ein gutes Echo bekommen.“

Auch die Pandemie hat man ganz gut überstanden. Miteinander und mit dem Gebäude. Nur der Krisenraum hatte keine Fenster, war also nicht pandemie-geeignet. Die Besprechungsräume mussten technisch etwas nachgerüstet werden. Jetzt geht es um das Aushandeln der Homeoffice-Regelungen im Regelbetrieb. Bis Jahresende läuft der Probetrieb, dann wird evaluiert. Und nebenbei wird gerade eine Wasserstoffdialyse auf dem Betriebsgelände gebaut, um einmal die Busflotte der Stadt versorgen zu können. 2040 wird es kein Gas mehr für die EndkundInnen geben. Und für die ganze E-Mobilität muss man auch gerüstet sein. Derzeit gibt es erst 1000 Zapfsäulen in Wien. Das ist viel zu wenig. Für alle diese Fragestellungen muss das Unternehmen vorbereitet sein. Und Rempl stellt immer die gleiche Frage: „Was bedeutet das für die MitarbeiterInnen? Wo ist der Bedarf zum Handeln? Welcher Beruf wird nicht mehr gebraucht? Nix ist fix, aber eines ist sicher: Jobs für Ungelernte werden immer weniger!“

Einigkeit herrscht vor allem darüber, dass alles im Umbruch ist, niemand so genau weiß, wohin die Reise geht - weder die Geschäftsführung, noch die Politik, noch ein Betriebsrat, noch die MitarbeiterInnen. Es geht darum die ununterbrochene Veränderung gemeinsam gut zu gestalten. Rempl achtet dabei darauf, dass die Veränderung sozial verträglich ist. „Mir ist es halt am liebsten, wenn es eine Win-win-Situation gibt. Wenn die Firma damit kann und wir auch.“ Anfang der 2010er Jahre wurden bei den Wiener Netzen die Arbeitszeiten massiv geändert: Gleitzeit eingeführt, Baukastensysteme mit verschiedenen Arbeitszeiten, Vier-Tages-Woche, Fünf-Tages-Woche, kurzer Freitag, langer Freitag. Wichtig war ihm, dass es für alle durchschaubar ist oder auf Freiwilligkeit beruht. „Die Leute sind dann mitgegangen. Manche haben es auch toll gefunden. Ohne Gleitzeit im Büro würden wir heute keine MitarbeiterInnen mehr finden. Es hat sich auch die Gesellschaft verändert. Es gibt immer mehr alleinstehende Elternteile und so viele Kindergärten, die schon um sechs Uhr aufsperren, gibt es auch nicht.“

Er ist sich dessen bewusst, dass er es nie allen recht machen kann. „Oft wollen sich KollegInnen einfach einmal „ausheulen“. Dann ist man so ein kleiner Grabstein und danach geht es wieder weiter.“ Wenn jemand davon schwärmt, wie schön früher alles war, dann fragt Rempl oft zurück: „Na, was war früher? Früher sind sie mit den Pferden gefahren.“ Es gäbe immer irgendwo Scherereien, aber da muss man sich dann auf einen Weg einigen. „Wir können schauen, dass wir alle mitnehmen und wenn es ein paar Verweigerer gibt, dann tut es uns auch leid.“ Rempl sieht seinen Job schon darin, die vorhandenen Sozialleistungen zu erhalten. Für alle.

In der Zusammenarbeit mit der Geschäftsführung ist für Rempl wichtig, „dass das, was ich ausgemacht habe, auch hält!“ GeschäftsführerInnen seien keine Unmenschen, aber sie haben Vorgaben, denn die Stadt Wien will kostendeckend arbeiten. Auch wenn alle vom Bürgermeister, über die Geschäftsführung bis zum Betriebsrat dem „roten Lager“ zuzuordnen sind – sie haben unterschiedliche Blickwinkel. Als Betriebsrat im Aufsichtsrat muss man sich daher gut bei der Gesetzeslage auskennen und auch etwas vom Cashflow verstehen. Da helfen gemeinsame Vorbereitungen und Netzwerke, auch um schon im Vorfeld zu wissen, was auf europäischer Ebene passiert. GeschäftsführerInnen empfiehlt er an einer guten Vertrauensbasis zu arbeiten. „Ich sage dazu immer gelebte Sozialpartnerschaft. Vielleicht muss man auch manche Zuckerln hergeben. Und man muss halt miteinander reden.“

Das was ausgemacht ist, muss auch halten.

Robert Rempl, Betriebsrat, Wiener Netze

 

Gesetze und das Arbeitsinspektoriat sind oft die „Verbündeten“ der Gewerkschaft – für den Fall, dass der Vorstand sie hintergehen oder aufs Glatteis führen würde. Und wenn die Zusammenarbeit gut ist, geht es auch in die andere Richtung. „Wir hätten 27 Waschbecken einbauen müssen. Da habe ich gesagt, seid mir nicht böse, zehn genügen. Und da stehe ich auch beim Arbeitsinspektorat und sage das.“

Was er anderen Mitgliedern eines Betriebsrates in der gleichen Situation rät? „Das Wichtigste ist, glaube ich, von Anfang an dabei sein. Und sich in alle Arbeitsgruppen hinein zu reklamieren und immer wieder die Ergebnisse auch mit anderen zu diskutieren. Es ist ja nicht alles, was neu ist, schlecht.“ Bernhard Herzog, als Berater zuständig für das Smart Campus Projekt bei M.O.O.CON, schwärmt heute noch von der Unterstützung des Betriebsrates bei der Möblierung. Rempl saß dabei, wie die KollegInnen ihre Bestellungen getätigt haben. „Manchmal muss man halt sagen, so ist es und mehr gibt es nicht. Wir hatten einen, der hat alles bestellt, was es gibt. Ich habe ihm dann erklärt, dass es dieses Möbelprogramm noch jahrelang gibt. Manche Vorratshamster haben auch ihr Büromaterial übersiedelt. Sie waren sich nicht sicher, was im neuen Haus passieren wird.“ Und manchmal ist diese Denke sehr hilfreich. Das neue Lager im Smart Campus funktionierte ein halbes Jahr lang nicht wirklich, obwohl man ein bewährtes System eingekauft hatte. „Dieses halbe Jahr haben alle von den Vorratslagern gelebt, die sie hatten.“

Was in 20 Jahren sein wird? Rempl nimmt sich Zeit, bevor er antwortet. Auf jeden Fall wird es weniger BetriebsrätInnen geben als jetzt, denn dann werden alle Beamten und Beamtinnen in Ruhestand sein. Und ob Maschinen eine Betriebsrätin/ einen Betriebsrat brauchen werden? Er kann sich schwer vorstellen, dass bei den Wiener Netzen viele Roboter eingesetzt werden. Die Produktion bei den Wiener Netzen ist sehr individuell. In der Branche wird aber schon mit Drohnen experimentiert, die die Masten zur Kontrolle abfliegen. „Aber es muss ja dann wer da sein, der das auch repariert. Vielleicht brauchen die Maschinen keinen Betriebsrat. Aber die Menschen, die die Maschinen bedienen, brauchen wieder einen.“ Nachdenklich wünscht er sich für die Zukunft, „dass der Mensch noch wirklich ein Mensch bleibt und nicht durch die Digitalisierung zur Nummer wird.“

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