Vier Arbeitswelten – vier Umgangsformen mit Konflikten

Konflikte als Chancen für Learnings und persönliches Wachstum oder doch eher unliebsame Begleiterscheinungen, die den Ablauf im Unternehmen stören? Der Umgang mit Konflikten und Fehlern ist in den vier Visionen von Arbeitswelten von Explore Next:work sehr unterschiedlich. 

In diesem Beitrag lernen wir durch persönliche Geschichten diese Unterschiede besser zu verstehen. Wir legen auf diese Auseinandersetzung Wert, um Menschen, Organisationen und Kulturen im Detail zu verstehen und künftige Arbeitswelten mit visionärer Expertise zu gestalten.

Function Based: Nichts an die große Glocke hängen

In der Arbeit ist heute etwas merklich anders. Es sind die kleinen Schatten, die über die sonst gelassenen Gesichter meiner Bürokolleg:innen huschen, die mich nachdenklich stimmen. Habe ich etwas falsch gemacht oder liegt etwas Größeres in der Luft? Eine unbequeme Stille zieht sich durch den Tag, alle scheinen verbissen und übereifrig ihre Aufgaben zu erledigen, aus den Teeküchen dringt selbst in der Mittagspause kein Lachen, die Gespräche sind gedämpft.

„Teeküche!“, schießt es mir ein und ich mache mich dorthin auf, in der Hoffnung zumindest ein paar Informationshäppchen aufzuschnappen. Als ich eintrete, bricht das Gespräch sofort ab, eine Kollegin bietet mir verlegen Kaffee an. Ich platze mit meinen Fragen heraus, mir wird gedeutet, leiser zu sprechen. Es gibt wohl Probleme mit dem Großauftrag. Niemand weiß wirklich, was genau passiert ist, aber es scheinen wohl einige Produkte schwere Mängel zu haben und der ganze Produktionsplan ist hinfällig. Ein Kollege hat mitbekommen, dass der Chef alle Abteilungsleiter:innen in sein Büro hat kommen lassen. Nach außen ist bisher nichts gedrungen, schließlich soll niemand unnötig in Aufruhr versetzt werden.

Der unverkennbare Gang unseres Abteilungsleiters lässt mich aufhorchen. Ich nehme meinen Mut zusammen und gehe auf den Korridor, um etwas in Erfahrung zu bringen. Er wirkt sehr müde, ringt sich aber ein Lächeln ab als er mich sieht. Ich überlege es mir anders, grüße ihn nur freundlich und stapfe alibihalber zum Kopierzimmer. Diese Firma gibt es aus gutem Grund über 160 Jahre. Wir haben uns im Endeffekt immer darauf verlassen können, dass die Direktion das Richtige tut.

Activity Based: Die Zielsetzungen nicht aus den Augen verlieren

Ich komme im Zielsprint zufrieden am Vorplatz des Headquarters an. Trotz meines Krankenstands habe ich konditionell kaum abgebaut – dem Iron Man steht also nichts im Weg. Ich dusche sehr kalt, denn ich will heute einen besonders klaren Kopf haben. Gleich treffe ich meinen Chef für ein ernstes Gespräch. Es gab wegen der Projektstrategie größere Meinungsverschiedenheiten zwischen Martha und mir. Die Fronten sind verhärtet, das Klima in der Unit leider etwas angespannt, und das Projekt kommt deswegen nur schleppend voran.

Ich schätze Marthas Arbeit grundsätzlich sehr, aber in diesem Punkt fällt es mir schwer nachzugeben. Schließlich handelt es sich um mein Fachgebiet. Mein Vorgesetzter schenkt mir Kaffee ein, wir nehmen auf der Couch Platz. Ich weiß, dass er heute auch mit Martha ein vertrauliches Gespräch führen wird, um die Situation zu klären. Die Abgabe rückt näher und wir müssen weiterkommen.

Am nächsten Tag sitzen Martha und ich uns in der Lounge gegenüber. Wir müssen wieder auf die Erreichung der Zielsetzung fokussieren – das ist sonnenklar. Mit den neuen Vorgaben unseres Chefs können wir, glaube ich, beide ganz gut leben. So gesehen ist es für mich persönlich schon in Ordnung ein bisschen zurückzustecken. Am Ende werden wir sicher gute Ergebnisse bringen.

Content Based: Fehler gehören einfach dazu

Heute Abend ist wieder Fuck-up Night und ich gehe vorfreudig meine Wühlkiste durch, auf der Suche nach einem witzigen Accessoire. Ich möchte mit diesem Ice-Breaker beginnen und meinen letzten Fail verbildlichen. Wer noch nie dabei war, muss es einfach mal erlebt haben. Weil sich das niemand entgehen lassen will, haben wir auf Anregung von Amanda auch angefangen, die Sessions zu streamen.

Neben dem Versprühen guter Vibes, besteht mein heutiger Moderationsjob vor allem darin Erkan den nötigen Support zu geben, um offen über seine Fehleinschätzung bei der letzten Projektetappe zu plaudern. Wir geben ein sehr wohlwollendes Publikum ab, es gibt viel empathisches Nicken, Seufzen und Schmunzeln, wir haben alle schon mal ordentlich danebengehauen, das gehört einfach dazu.

Aber es ist trotzdem auch eine große Vertrauensfrage sich zu öffnen. Ich könnte die Welt umarmen, die Stimmung ist heute Abend so ausgelassen, dass auch Amanda und Theo ihre fast unglaublichen Geschichten auspacken und wir uns vor Lachen nur so verbiegen. Das holt alles auf eine menschliche Ebene herunter und ist für mich eine so wertvolle Art, mir von den Erfahrungen der anderen etwas mitzunehmen.

Purpose Based: Kritik hilft uns zu wachsen

Der offene Umgang mit Konflikten und proaktive Kommunikation stehen in unserem Themen-Hub an oberster Stelle. Das hört sich vielleicht banal an, ist es aber nicht. Ich musste da anfangs schon einiges dazulernen. Zum Beispiel wie ich Dinge, die mich stören oder die ich als nicht sinnvoll erachte, konstruktiv anspreche, und zwar nicht erst, wenn der Hut brennt. Dazu gehört viel Übung in Wahrnehmung und Achtsamkeit.

Als ich dann verstanden habe, dass hier alle einen recht entspannten Umgang mit Kritik haben, bin ich um einiges lockerer geworden. Das Schönste ist immer wieder zu erleben, dass alle richtig Lust haben, sich gemeinsam mit auftretenden Spannungen auseinanderzusetzen, und nach besseren Lösungspfaden zu suchen. Ich empfinde diesen Prozess als eine sehr lustvolle und kreative Art kollektive Verantwortung zu übernehmen. Mit unseren verschiedenen Backgrounds und Skills haben wir zusammen einfach einen viel größeren Weitblick. Nur so kann sich der Purpose ständig weiterentwickeln und solche Anstöße helfen mir auch auf persönlicher Ebene sehr weiter.

Konfliktbearbeitung in vier unterschiedlichen Logiken

Der Umgang mit Konflikten und Fehlern folgt in jeder der vier Arbeitswelten anderen Logiken. 

  • In der Function Based Arbeitswelt werden Konflikte und Fehler vor allem als Störungen wahrgenommen, deren Auswirkungen rasch und mit Diskretion minimiert werden sollen. Die Ebene der Konfliktbearbeitung bindet daher höchstens die Managementebene ein. Mitarbeiter:innen sollen von diesen Störungen möglichst wenig mitbekommen und sich darauf verlassen können, dass die Direktion eine Lösung findet, den Normalbetrieb wiederherzustellen. 
  • In der Activity Based Arbeitswelt werden Konflikte zwar als emotionale Prozesse verstanden, die aber rational und vor allem zielgerichtet bearbeitet werden sollen. Die Führungskräfte übernehmen Verantwortung, Mitarbeiter:innen durch die Konflikte zu führen und Leistungseinbrüche in Maßen zu halten. Reichen interne Ressourcen nicht aus, werden auch externe Coaches hinzugezogen. 
  • Im Content Based Working ist gute Fehler- und Konfliktkultur ein wichtiges Leitprinzip. Fehler und Unstimmigkeiten werden wertfrei als Teil von Arbeitsprozessen mitgedacht. Sie sind eine wichtige Lernressource, die man gerne mit Kolleg:innen in nichthierarchischen Formaten teilt.
  • Bei Purpose Based Working sind Spannungen ein grundlegender Antrieb, um neue Wege einzuschlagen und miteinander zu wachsen. Es gibt eine sehr proaktive und reflektierte Konfliktkultur, in der die Verantwortung für die Lösung von Spannungen kollektiv getragen wird. Da Kritik als Entwicklungschance wahrgenommen wird, ist der Umgang mit Kritik sehr wertschätzend. 
     

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